Mehr Gemeinschaft

In den westlichen Zivilisationen hat die Individualisierung für viele ein Extrem erreicht, das mit Vereinzelung bis Vereinsamung zum Teil leidvoll verbunden ist. Das Positive daran ist, dass wir dabei die traditionellen soziokulturellen Verstrickungen besser reflektieren und hoffentlich auch verändern können.

Um diese Veränderungen in einer sozialen und kulturellen Evolution auszuführen, brauchen wir wieder mehr Gemeinschaft - jetzt allerdings ganz bewusst und gewollt eingegangen. Der Mensch ist ein zutiefst soziales Gemeinschaftswesen - das ist die Erkenntnis, die am Tiefstpunkt der Individualisierung kommt.

Gemeinschaft ist eine sehr wichtige Ressource für Gesundheit und damit für Salutogenese.

Gemeinschaft ist überall dort, wo man sich durch ein Gemeinschaftsgefühl mit anderen Menschen verbunden fühlt. Dieses Gemeinschaftsgefühl kann mehr oder weniger intensiv sein und mehr oder weniger dauerhaft und krisenbeständig. Es ist immer ein subjektives Gefühl. Es gibt m. E. keine weiteren äußeren ‚objektiv gültigen’ Kriterien für das, was eine Gemeinschaft ausmacht als eben dieses subjektive zwischenmenschliche Zugehörigkeitsgefühl.

Gemeinschaft gibt es überall und kann noch mehr überall entstehen und hergestellt werden. Gemeinschaft ist nicht auf religiöse Gemeinden, Sekten oder alternative Gemeinschaftsformen beschränkt. Gemeinschaft entsteht durch positive zwischenmenschliche Resonanz, durch aufbauende Beziehungen. Familien, Nachbarschaften und dörfliche Gemeinschaften bilden einen guten Rahmen, um mehr Gemeinschaft herzustellen. Dies geschieht durch intensivere z. T. neue Kommunikationsweisen.

In dem kleinen Dorf Heckenbeck zwischen Harz und Solling, ganz nahe am Leinetal, bin ich seit 1984 mit inzwischen vielen anderen am Aufbau von mehr Gemeinschaft beschäftigt. Als wir etwa 50 Menschen waren, die an Gemeinschaft interessiert waren, konnte man nicht mehr zu allen eine persönliche emotionale Beziehung haben. Die Folge war, dass einige ihr Gemeinschaftsgefühl verloren haben. So haben wir uns dann ‚Gemeinschafts-Netzwerk’ in Heckenbeck genannt. Heute sind wir weit über 100 Gemeinschaftsinteressierte Erwachsene und über 60 Kinder. Das Gemeinschaftsgefühl hat jedeR auf seine Art mit den Menschen, mit denen er sich im ‚Kreis’ verbunden fühlt.

In der bewussten Suche nach mehr Gemeinschaft (ohne gemeinsame religiöse, weltanschauliche oder politische Ausrichtung) haben wir unter Erprobung verschiedener Kommunikationsmethoden eine erstaunliche Kreativität entfaltet: Es gibt in dem kleinen Dorf Heckenbeck (inzwischen knapp 500 Einwohner) mehrere Frauen-, Männer- und andere Gruppen, eine Freie Schule und einen Kindergarten, eine ‚Weltbühne’ des Vereins für Kultur und Kommunikation, ein Meditationshaus, einen Bioladen, einen Bio-Gemüseanbau, Streuobstkultur und Schafszucht, Imker, eine ärztliche Gemeinschaftspraxis und andere TherapeutInnen, eine Hebammengemeinschaftspraxis, eine Gemeinschaftssolaranlage, mehrere Handwerksbetriebe, viele – deutschlandweit bzw. international aktive KünstlerInnen und SeminarleiterInnen und vieles andere mehr. Das ist möglich, wenn man seinem Streben nach mehr Kommunikation in Gemeinschaft Raum gibt. Der Wunsch nach Rückzugsmöglichkeit hat natürlich genauso Platz.

In diesen Jahren ebenso intensiver wie vielfältiger Kommunikation habe ich ein immer klareres Gefühl für aufbauende Kommunikation und Gruppenprozesse bekommen, das mich zu den kreativen Gruppenprozessen und auch zur salutogenen Kommunikation geführt hat.